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Sex, Drugs and Jazz: Die Flapper

Marleen Tigersee

Eine Generation zwischen Emanzipation und Schönheitskult. - Resümee einer Lektüre von Nadine Rall




Denkt frau an die Goldenden Zwanziger, tauchen direkt diese Bilder auf von Bob tragenden Frauen im fransenbeladenen Flapper-Kleid, wild die Gliedmaßen schwingend, in der einen Hand das zierliche Cocktailglas, in der anderen die grazile Zigarettenspitze. Diese Bilder sind untrennbar mit dem Zeitalter des Jazz verknüpft und wurden zum Sinnbild für eine ganze Generation. Eine Generation, die die Urkatastrophe des jungen 20. Jahrhunderts – den Ersten Weltkrieg – ertragen und durchgestanden hat. Eine Zäsur, nach der nichts mehr so war, wie zuvor, und ohne die die weibliche Emanzipation noch Jahre gebraucht hätte, sich auf eben jene Art selbst zu bemächtigen wie in der Nachkriegszeit der 1920er Jahre.


Judith Mackrell breitet schon im Vorwort zu ihrem Buch Die Flapper. Rebellinnen der Wilden Zwanziger (im Original: Flappers: Six Women of a Dangerous Generation) diesen gewichtigen Hintergrund vor ihren sechs Protagonistinnen aus. Sie benennt spannungsreich und kurzweilig, warum diese Zeit eben jene Frauenfiguren hervorbringen musste und zieht uns geradezu soghaft hinein in dieses Experimentierfeld.



Sechs Portraits von sechs außergewöhnlichen Frauen


Entsprechend geschickt beginnen ihre Portraits von Lady Diana Cooper, Nancy Cunard, Tamara de Lempicka, Tallulah Bankhead, Zelda Fitzgerald und Josephine Baker mit dem familiären Ursprung, der nicht selten von der Langeweile der geltenden gesellschaftlichen Etikette der Jahrhundertwende gekennzeichnet war. Als Leserinnen und Leser fiebern wir geradezu der Zeit entgegen, in der endlich etwas passiert, in der die Flucht aus dem goldenen Käfig oder – wie bei Josephine Baker – aus dem drückenden Elend des schwarzen Ghettos gelingt.



Sechs sehr unterschiedliche Flapper: Cooper, Cunard, Baker, de Lempicka, Bankhead und Fitzgerald
Sechs sehr unterschiedliche Flapper: Cooper, Cunard, Baker, de Lempicka, Bankhead und Fitzgerald

Für alle sechs Protagonistinnen legt Mackrell eine Art Charakterstudie vor, anhand der sehr schnell nicht nur das Wesen, sondern vor allem der innere Antrieb der Frauen deutlich wird. Bisweilen verlieren sie dadurch sogar „Sympathiepunkte“ und werden in ihrem Egoismus bis hin zur Egozentrik gezeigt. Vergegenwärtigen wir uns, dass alle sechs Frauen in einer männerdominierten, konservativen und zudem oberflächlichen bis sensationslüsternen Gesellschaft ein eigenes, von ihnen gesetztes Ziel verfolgten, so stehen auch diese negativen Aspekte in einem nachvollziehbaren (persönlichen) Kontext.


Gepaart mit dem emanzipatorischen Aufbruch in eine neue Ära erscheinen exzessive Parties mit Nervenkitzel wie Drogenkonsum und libidinöse Eskapaden mit Partnern des anderen oder des gleichen Geschlechts als zwangsläufiger Habitus. Sie gehören zum Bild der Flapper genauso wie das neue Schönheitsideal der kurvenlosen, schlanken, gar jungenhaften Figur der sogenannten Garçonne. Mackrell zeigt in fast allen der sechs Biografien auf, wie aufreibend bis selbstzerstörerisch dieser Lebensstil sein konnte.


So auch am Beispiel des Ehepaares Fitzgerald: Kaum ein anderer Autor hat das Lebensgefühl der Flapper so zeitnah und zeitgenössisch in das Zentrum seiner Literatur gerückt wie F. Scott Fitzgerald. Sein Roman The Great Gatsby ist das Buch der amerikanischen Flapper und hat wie kaum ein anderes das literarische Bild der 1920er geprägt. Wie hoch autobiografisch das Werk ist, wie eng die Hauptfiguren stets mit den realen Personen Scott und Zelda verwoben sind, und wie zwanghaft die Selbstinszenierung des Paares war, arbeitet Mackrell in ihren beiden Kapiteln zu Zelda Fitzgerald heraus.



Das ikonische Paar der 20er Jahre: F. Scott und Zelda Fitzgerald
Das ikonische Paar der 20er Jahre: F. Scott und Zelda Fitzgerald

Überhaupt ist die Zweiteilung der Portraits ein geschicktes erzählerisches Mittel: Judith Mackrell schildert die sechs Biografien in je zwei, durch die anderen Protagonistinnen unterbrochenen Kapiteln. Wer die vorgesehene Kapitelfolge einhält, dem werden die Parallelen zwischen den Frauen wie auch die gemeinsamen gesellschaftlichen Kreise offenkundig(er). Diana Cooper und Nancy Cunard beispielsweise bewegten sich in denselben Kreisen der britischen Upper Class, ihre Familien waren miteinander bekannt und verkehrten gesellschaftlich wie freundschaftlich miteinander. Gerade die Rebellion gelang vermutlich hier und da leichter, wusste frau eine Verbündete an ihrer Seite oder mindestens im Geiste.


Paris – die Stadt der Flapper


Neben Amerika entfaltet vor allem Paris eine große Anziehungskraft auf die Flapper. Nancy Cunard findet hier das literarische Leben inklusive aller bedeutenden Kontakte, nach dem sie sich seit ihrer Kindheit sehnte. Aber speziell zwei Frauenfiguren sind untrennbar mit der Stadt verbunden: Josephine Baker und Tamara de Lempicka. Während erstere wohl die bekannteste der sechs Protagonistinnen ist und zur Personifikation des Jazz Age wurde, sind Tamara de Lempickas Gemälde bis heute Ikonen der emanzipierten, gefährlichen Frau der Zwanziger Jahre. Kaum eine andere Künstlerin erschuf zugleich sinnlichere aber auch künstlich kühl wirkende Frauenfiguren als sie. Ihre Bilder gelten bis heute als Sinnbilder der Art Déco bzw. Art Moderne.



Josephine Baker in Paris in ihrem Nachtclub "Chez Josephine" ca. 1928
Josephine Baker in Paris in ihrem Nachtclub "Chez Josephine" ca. 1928

Tamara de Lempickas Gemälde als Sinnbild für die moderne, selbstbestimmte Frau in der Großstadt
Tamara de Lempickas Gemälde als Sinnbild für die moderne, selbstbestimmte Frau in der Großstadt

Das Ende der Flapper – Und nun?!?


Wie ihre Zeitgenossinnen hatte Tamara de Lempicka spätestens mit Ende der Zwanziger Jahre einen rasanten Abstieg des Flapper-Lebensstils zu verkraften. Die gerade von ihr primär portraitierten selbstbewussten und selbstbestimmten Frauenfiguren waren nicht mehr en vogue, ja sogar mehr und mehr durch die wieder stärker werdenden konservativen Einstellungen und dem zunehmenden Rechtsruck der Gesellschaft, dessen Frauenbild exakt dem der emanzipierten Garçonne widersprach, verpönt. Entsprechend setzt Judith Mackrell mit dem Beginn des neuen Jahrzehnts das Ende ihrer Portraits.


Für alle sechs Protagonistinnen zeichnete sich bereits in der zweiten Hälfte der Zwanziger Jahre der Wandel ab, sodass sie versuchten ihren Fokus auf einen neuen Lebenssinn zu verlagern: Bei Diana Cooper, Zelda Fitzgerald und Josephine Baker sollte er im Muttersein und der Familie liegen, während sich Nancy Cunard ganz ihrem eigenen Verlag verschrieb. Tallulah Bankhead und Tamara de Lempicka hingegen veränderten ihre etablierten Rollen kaum, auch wenn Tallulah Bankhead zeitweise einen Image-Wandel mit ernsten Theaterrollen ausprobierte. Tamara de Lempicka schließlich nutzte die Gelegenheit einer sehr vorteilhaften Ehe und ging 1938 nach Amerika, in Erwartung eines Neuanfangs.



Die Flapper – letztlich doch nicht so rebellisch?


Gerade in diesem Wandel der privaten Entwürfe zeigt Judith Mackrell auf, dass die Generation der Flapper – trotz allen Emanzipationswunsches – die frauentypischen Rollenbilder von Ehefrau und Mutter nicht vollends hinter sich lassen konnte. Viele der Frauen haderten mit der „alten“ Erwartung und ihren neuen Rollen, spürten die Last der biologischen Aufgabe des Mutterseins. Manch eine von ihnen sorgte sich dabei zurecht um ihr Leben. Vorangegangene Schwangerschaftsabbrüche, Geschlechtskrankheiten, aber auch die Folgen des Drogenkonsums hatten den Körpern deutliche Grenzen auferlegt und machten Schwangerschaften und Geburten durchaus gefährlich. Daneben war aber auch die Tatsache, dass sich der teilweise hart erarbeitete jungenhafte, kurvenlose Frauenkörper durch die Schwangerschaft(en) verändert, ein nicht zu verachtendes Hemmnis. Diana Cooper und Zelda Fitzgerald, die diese Veränderungen erlebten, berichteten darüber auf empörte und panische Weise.




Schlankheitswahn in der Werbung der 20er Jahre
Schlankheitswahn in der Werbung der 20er Jahre

Die Flapper – Vorbild für Emanzipation


In Die Flapper zeigt uns Judith Mackrell Frauen, die sich selbstbewusst in Berufen durchsetzen, die bis dahin fast ausnahmslos Männern vorbehalten waren: Sie sind Verlegerin, Malerin, Schauspielerin, Autorin und Tänzerin und verdienen damit ihren Lebensunterhalt. Selbstverständlich ging dies nicht, ohne skandalumwittert zu sein. Doch bei genauer Betrachtung waren das die Männer derselben Branchen auch – mit dem Unterschied, dass es ihnen umstandslos zugestanden wurde.


Nach je zwei Kapiteln lässt Mackrell uns jedoch nicht einfach mitten in den Biografien zurück. Sie verfolgt im Epilog die Leben ihrer Protagonistinnen über die Zäsur der 1930er Jahre hinaus bis zum Ende. Bis zum Schluss flechtet sie den zeithistorischen gesellschaftlichen Kontext von Mainstream und Konventionen um die einzelnen Portraits, wodurch das Buch zeitgleich jene relevanten Themen behandelt, die nicht nur für die Protagonistinnen entscheidend waren. Gerade diese gelungene Mischung zeigt auf, dass unsere sechs Frauenfiguren, ihre Familien, Männer und Liebhaber beiden Geschlechts sowie ihr gesamtes unmittelbares Umfeld stellvertretend für eine ganze Generation zu lesen sind; Eine noch nie dagewesene Generation von unverheirateten, unabhängigen Frauen, die alles daransetzten, selbstbestimmt zu leben.*









*Judith Mackrell: Die Flapper - Rebellinnen der wilden Zwanziger, Berlin 2022, S. 12

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